Das heutige Spiel ist sicherlich eines der am meisten herbeigesehnten des ersten Spieltages. Mit Dumm und Döner sehen wir die einzigen Ex-Ligaspieler:innen von "Mach 13", welche sich hier im Ligabetrieb nochmal einem kompetitiven Format stellen. Wir erwarten die geballte Erfahrung dieser erprobten und lange vereinigten Doublette, gepaart mit Leidenschaft und Leidensfähigkeit. Ihnen gegenüber werden wir heute in balle légère das frisch formierte Team vom Pétanque-Leistungszentrum Zughafen erstmals in Aktion sehen. Ein konzipiertes Team, welchem ein eigener, abgeschieden gelegener Trainingsplatz am alten Güterbahnhof zur Verfügung gestellt wurde. Wie wird sich dieses Experiment auf dem Platz unter Wettkampfbedingungen zeigen. Kann man ein Bouleteam am Reißbrett bauen?

Jette, Max, Matze und Benni (v.l.n.r.)
Jette, Max, Matze und Benni (v.l.n.r.)

Die Wahl des Platzes fiel bereits vor Wochen auf den Diamantgarten am Petersberg. Ein für beide Teams neutraler Boden und dem Namen nach absolut der Partie entsprechend. Bereits hell scheinende Diamanten der Erfurter Boulehistorie treffen auf Rohdiamanten aus der Feder des Kulturbahnhofes. Heute erwartete uns Gluthitze, ein Hitzebad, die hohen den Platz umfassenden Wände strahlten die unmenschlichen Temperaturen von allen Seiten wider auf die Spielenden, kein Schatten, kein Wind. Das war zum Zeitpunkt der Ansetzung sicherlich nicht abzusehen gewesen, die Organisatoren hatten einen sehr Zuschauer:innen freundlichen Platz gewählt, schließlich versprach diese Paarung ein Magnet für Schaulustige zu werden. So aber fand sich ein einsamer Zuschauer und kurz eine Photografin ein, um sich das anbahnende Spektakel anzuschauen und durch Anwesenheit den Beweis zu leisten, dass es so tatsächlich stattgefunden haben wird.

Was für eine Location und was für ein gutes Auge der Fotografin!
Was für eine Location und was für ein gutes Auge der Fotografin!

Beide Teams starteten offensichtlich nervös. Bei Dumm und Döner war dies so eher nicht zu erwarten, bei balle légère mußte man trotz der Eigenbezeichnung eher sogar damit rechnen. Mit den ersten Aufnahmen zeichnete sich dann aber ab, dass gerade Matze, heute Schießer bei Dumm und Döner, eben der ausgebuffte Wettkampftyp ist, den wir erwartet hatten. So schoss er gleich in der ersten Aufnahme das Schwein für drei aus, dann zwei schöne Punkte im nächsten Anlauf gleich hinterher. Es sah hier schlimm aus für Max und Benni von den Légèren. Sie waren nicht richtig auf dem Platz. Max bietet den Klassiker der Boulepsychologie auf "Soll ich oder willst du?", Benni drückt mit seiner letzten eine Kugel auf Punkt, ruft laut "Nein!", nur um dann mitgeteilt zu bekommen, dass er die Kugel seines Mitspielers erfolgreich für 2 auf Punkt geschoben hatte. So also 5:2, balle légère eher im Mitspielmodus und mit sich beschäftigt, Dumm und Döner souverän und Jette jetzt auch immer entspannter hin zur Sau.

Max beim eleganten Legen des Spielgeräts.
Max beim eleganten Legen des Spielgeräts.

In der Folge manifestierte diese Herangehensweisen sich dann auch im Spielablauf. Wo Benni Pech mit seinen Schüßen hatte, gelang Matze ein ums andere Mal gleich ein Double-take-out. Der Satz war schnell entschieden, Matze zaubert, Jette eiskalt, Benni mit Pech und Max noch nicht mit der richtigen Länge in seinem Spiel; 13:2 für die Döner.

Jette merkte dann an, dass sie die Hitze nicht länger wird aushalten können und auch der Zuschauer war dankbar, aus diesem Glutofen entführt zu werden. In herrlich friedlicher und einvernehmlicher Absprache quälte man sich die paar Meter hinauf zum Umspanner, wo man sich einen beschatteten Weg am Parkeingang suchte, kurz pausierte, sich Wasser über den Körper laufen lies und schließlich erholt in den zweiten Satz gehen konnte.

Die Teams auf dem Weg in kühlere Gefilde
Die Teams auf dem Weg in kühlere Gefilde

Hier fand sich zunächst Max gut zurechet, Matze erwirkte aber durch sofortigen Schweinchenschuss eine Neuaufnahme und ermöglichte so allen Beteiligten einen ruhigen Start auf neuem Terrain. Das leichte Gefälle machte dann aber Jette doch arg zu schaffen. Erfrischt durch die kleine Dusche war einfach zu viel Schwung im Arm und es rollte doch einiges durch. Nach einer komplizierten ersten Aufnahme, in der Max quasi im Alleingang 2 Punkte holte, folgte eine Aufnahme zum Vergessen für Dumm und Döner. Die beste Eigene wurde selbst geschossen, den Rest verteilte man, wenngleich optisch aber nicht spielerisch ansprechend, in ungefährer Richtung des Schweinchens. Logisches Resultat, ein volles Paket für die baller und ein frühes 8:0. Der Platzwechsel und die Pause waren gut für Max und Benni. Die Erste kam wie aus dem Lehrbuch Aufnahme für Aufnahme. Matze war voll von der Rolle und traf jetzt gar nicht mehr. Jette in der Regel zu weit und Benni hatte entsprechend leichtes Spiel hinten raus. Es wurde nochmal das Schwein ins Aus geschossen, die letzte Aufnahme war dann bereits die Folgende. Max wie beschrieben, Jette legt in handgestoppten 7,83 Sekunden 3 Kugeln dahinter, Matze kommt auch nicht hin und etwas aufgeregt aber schließlich erfolgreich konnten Max und Benni den sich bietenden Platz für 5 nutzen und stellten auf Fanny! 13:0 und 1:1 nach Sätzen. Das erste Fanny des neuen Ligabetriebes und abzüglich der Neuaufnahmen eines, welches in nur 3 Aufnahmen erzielt wurde. Unfassbar!

Mit der Routine ihrer langjährigen Karriere ließen sich Matze und Jette von diesem Einbruch nicht beirren. Unter großem Raunen des Zuschauenden ging es ohne jede Pause weiter. Jette zwang sich schnell etwas Sekt rein und begann die "La Belle", also "die schöne" Entscheidungspartie als wäre nichts gewesen. Wie ausgewechselt und maximal nervenstark war es nun sie, die die Eins in Perfektion spielte. Benni und Max ließen sich sofort vom Druck beein»druck«en und rutschten in ein schnelles 7:0 nach 3 Aufnahmen. Man muss sagen, da war sogar mehr drin. Dumm und Döner verpassen hier im Grunde eine schnelle Revanche und ein Re-Fanny. Das es hier überhaupt noch eine Möglichkeit gibt, ermuntert Max, sich wieder zurückzukämpfen. Er liegt auf Punkt, spielt die Döner leer und Benni kommt im Kugelgewirr auch noch einmal ans Ziel. 7:2, geht hier doch noch was!?

Jette hat das hier alles im Griff. DuD mit 5 Kugeln auf der Hand, balle légère wieder balle leer. Aber es bleibt bei dem Einen, wieder bleibt was liegen, auch wenn es gut verteidigt war. Es kommen jetzt weitere schwierige, von Einzelaktionen geprägte Aufnahmen. 9:2, 9:3, 9:4, 9:5. Benni jetzt immer besser mit seinen Legeeinlagen. Holt immer wieder den einen Punkt noch rüber zu seinen Farben. Dann schlägt vor nun 4 Zuschauenden das schöne Spiel wieder zu. Die Teams wollten es hier in einem Abnutzungskampf Punkt für Punkt entscheiden, es drohte eine endlose Partie zu werden. Kein Risiko, kontrolliertes Annähern, absichern, ein vorsichtiges, vielleicht ein zu vorsichtiges Spiel für wer-auch-immer-verlieren-mag. Kaum saßen die Zaungäste, flog mit der 4. gespielten Kugel, eine von Matze, das Schwein weit den Weg hinab, gute 17 Meter wurden nun gespielt. Balle légère war es, die diese Situation für sich zu nutzen wußten und holten trotz Kugelgleichstand noch dicke 3 Punkte und plötzlich waren sie dran; 9:8.

Und dann schallt es auch gleich "Wechselführung" durchs Rund! 9:10, das Comeback ist vollbracht. Beide Teams ganz stark in dieser Phase, aber balle légère etwas zwingender. Max immer wieder mit guten Legerkugeln, Benni wenn nicht ganz sattelfest im Schießen, immer wieder mit ärgerlichen Aktionen für Dumm und Döner. Jette kämpft unterdessen mit der Hitze und der Sekt wird auch langsam warm. Es herrscht eine angespannte Stimmung, beide Teams gar nicht so légère! Wieder hallt es: "Wechselführung!" Das Publikum aus dem Häuschen. Matze ist rechtzeitig (?) wieder da, schießt herrlich die Hintere carreau zum 11:10, sie sind wieder vorne. Der Jubel zieht noch eine Zuschauerin an, Zuschauerrekord wieder eingestellt! 5 Mitfiebernde jetzt und die Spannung ist immens. Beide Teams erbitten, Zigaretten vom Publikum gedreht zu bekommen. Wechselführung. 11:12. Unglaublich. Wie aufgewacht jetzt beide Teams. Absolutes Leistungsmaximum, sie schenken sich nichts.

Max verträgt das Rauchen nicht oder die Zuschauermassen oder den Druck, man muss ihn das später nochmal fragen, jedenfalls bricht er unter Jettes subtiler Erster vollkommen zusammen. Alle drei fliegen weg. Benni dann toll in die Nähe, aber es reicht noch nicht. Er verschießt eine. Die Dritte dann Konter auf Punkt! Hier sollte ein so erfahrenes Team wie Dumm und Döner mit ihren unzähligen Ligaspielen und Turnieren eigentlich den Sack zumachen und den im Grunde nicht unverdienten Satz- und somit Spielgewinn klar machen.

Warum schreibe ich "sollte"? Jette hat noch zwei auf der Hand, verlegt diese aber umgehend und wenig aussichtsreich. Matze hat auch noch zwei. Ein Schuss für den Sieg liegt, aber er vermutet noch eine Kugel in den Händen der Gegner und legt. Legt schön! Legt sensationell! Punkt! 12:12 am Boden. Nun noch eine. Mittlerweile ist die Situation für alle klar. Ein Schuss, ein Legepunkt, beides würde die 13 bedeuten.

Matze verlegt unglücklich. Douze partout! Dieser Satz hatte es auch nicht anders verdient, als mit einem 12:12 in die Entscheidung zugehen. Beide Teams mit Chancen, längst als Sieger:innen festzustehen, beide Teams stehen aber noch hochnervös auf dem Platz und die Spannung hat ihren Höhepunkt erreicht.

Die Geschichte ist schnell auserzählt. Nach den ersten 6 Kugeln wechselt die Führung 5 Mal. Darunter ein Schuss mit Schwein, das fast ins Aus, halb unter eine Bank rollt. Jette legt dann genial, Max kontert auf ihre drauf, sodass diese an den Beton schlägt und Aus geht. Max liegt jetzt perfekt. 6. Führungswechsel in der, ich darf es vorwegnehmen, letzten Aufnahme. Denn es passiert nichts mehr. Matze schießt, verschießt. Legt, verlegt. Es war sehr schwer, diese Situation noch einmal zu drehen. Max´ überragende letzte Kugel zieht also das Spiel und nach dieser wilden Aufholjagd und den dann folgenden ständigen Wechseln bis in die letzte Aufnahme hinein, endet dieses Spiel mit einem Siegerteam das dann balle légère heißt. Das war unser schönes Spiel mit allen Dramen, die es bereit hält, allein ein Unentschieden gibt es nicht und so gibt es auch hier heute eine Entscheidung, auch wenn eine Punkteteilung wohl nie naheliegender gewesen wäre als in dieser Begegnung.

Sportsmenschlich fairer Handshake nach einem spannenden dritten Satz unter den Augen der abermals zahlreichen Fans.
Sportsmenschlich fairer Handshake nach einem spannenden dritten Satz unter den Augen der abermals zahlreichen Fans.

Nach dem Spiel ging es sofort in die guten alten Was-wäre-wenn? Gespräche, gerade Dumm und Döner haderten naturgemäß mit dem Ausgang der Partie. Von Max und Benni fiel einiges ab, die Erleichterung wich der Erschöpfung.

Am Ende bleiben mehr Fragen offen als wir Antworten erhalten haben. Die wahre Spielstärke beider Teams ist nicht einschätzbar, zusehr ging es die Formtäler rauf und runter. Jette im Interview nach dem Spiel trifft den Kern wohl, wenn sie sagt "Es ist die Konstanz, die wo fehlt." und zitiert damit, ob wissentlich oder unwissentlich den sehr hoch nichtgeschätzten Nichtehrenpräsidenten des nichtsagenumwobenen RSB Erfurt 01 n.e.V FSG, dem Nichtverein, auf welchen das gesamte aktuelle Erfurter Boulegeschehen nicht zurückzuführen ist. Sie zeigt damit Größe in der Niederlage und es sind solche Spieler:innen, die die Idee des schönen Spiels weitertragen und unsere Spielkultur erhalten. Den Sekt hat sie noch ausgetrunken.